Schüleraustausch

„Es waren drei coole Wochen!“

Kurz und knapp bringt Stefanie Weitz mit diesem Satz nicht nur ihre Meinung über den Schüleraustauschaufenthalt in Columbia, Illinois im April auf den Punkt. Auch Florian Kitz spricht nicht allein für sich, wenn er sagt: „Es gab keinen einzigen Tag, der mir nicht gefallen hat.“

Mit etwas Abstand nach der Rückkehr am 1. Mai haben die Schülerinnen und Schüler jetzt mit einem Fragebogen Bilanz gezogen. Die meisten empfanden die drei Wochen in Columbia als zu kurz, sie wären gern länger geblieben. Eine ganze Reihe der amerikanischen Gastfamilien stimmt dem zu: „In der ersten Woche lernt man sich kennen, in der zweiten Woche fangen die Austauschschüler an, Wünsche zu äußern und integrieren sich in den alltäglichen Familienablauf. In der dritten Woche ist es dann so, als wären sie schon lange ein Teil der Familie. Wir alle fühlen uns sehr wohl in dieser letzten Woche – und dann reisen sie schon ab. Deswegen wären vier Wochen einfach besser.“ Solche Äußerungen zeigen, dass durch den Schüleraustausch sehr enge Beziehungen entstehen können, Freundschaften geschlossen werden. Dennis Müller spricht von einer „brüderlichen Freundschaft“ mit seinem Austauschpartner, Lisa Marie Kammer erklärt: „Wir sind Freunde geworden und ich habe sie richtig lieb gewonnen. Ich freue mich schon, wenn sie nach Deutschland kommt.“

Da unsere Schülerinnen und Schüler in das amerikanische Familienleben eintauchen, müssen sie sich auch an die dort geltenden Regeln halten. Christine Hergert stellt fest: „In Deutschland gehen die Teenager einfach weg, in Amerika sagen sie den Eltern immer genau, wohin sie gehen, mit wem und wie lange sie bleiben. Das ist bei uns in Deutschland nicht oft so.“ Nico Silberling übertreibt sicher etwas, wenn er sagt: „Amerikanische Teenager sind immer pünktlich an den von ihren Eltern vorgegebenen Zeiten zu Hause.“ Michele Krapp ist aufgefallen, „dass sie nicht so lange wie deutsche Teenager auf der Straße bleiben dürfen.“ In Columbia – wie in ganz Illinois – müssen Jugendliche ohne Begleitung ab dem zwölften Lebensjahr bis zu ihrem 17. Geburtstag freitags und samstags nämlich um 24 Uhr, ansonsten um 23 Uhr zu Hause sein. Die Polizei achtet darauf, dass diese Uhrzeiten eingehalten werden.

Ein gewaltiger Unterschied zwischen den Jugendlichen ist, dass die amerikanischen Teenager schon ab 16 Jahren Auto fahren dürfen. Deswegen haben viele von ihnen einen Teilzeitjob, um das eigene Auto finanzieren zu können. Das wird auch weidlich benutzt, wie Vanessa Roth festgestellt hat: „Das einzige, was ich als gewöhnungsbedürftig empfunden habe, war die Tatsache, dass Amerikaner überall hin mit dem Auto fahren anstatt zu laufen.“

Interessant ist das Eingeständnis fast eines Drittels der Gruppe, dass der Austauschaufenthalt ihre Haltung zu Amerika und dem amerikanischen Lebensstil verändert hat, weil sich Vorurteile nicht bewahrheitet haben, z.B. dass die meisten Amerikaner dick sind. Michele Krapp „hatte das Vorurteil, dass die Amerikaner nicht sehr freundlich sind“, erlebte allerdings „genau das Gegenteil.“ Vanessa Roth „war überrascht, dass Amerikaner um einiges freundlicher sind als manche Deutsche.“ Dominik Wöll findet sie „viel freundlicher als erwartet.“ Christine Hergert verdeutlicht diese positive Überraschung, „dass die Leute dort alle so freundlich sind“, daran, dass sie „einfach Hallo sagen in der Schule und sich sofort entschuldigen, wenn sie jemanden anrempeln.“ Lucienne Müller findet, „das Benehmen ist etwas reifer als bei uns.“ Sandra Stroh hat „nicht damit gerechnet, dass die Amerikaner so freundlich sind und sich so über uns Deutsche gefreut haben.

Gefreut haben sich auch die Schülerinnen und Schüler der verschiedenen Schulen in Columbia– der Columbia High School (Klasse 9 bis 12), der Columbia Middle School (Kl. 5 bis 8), der Parkview Elementary School (Kindergarten bis Kl. 4) und der katholischen Immaculate Conception School (Kindergarten bis Kl. 8)– sowie deren Lehrkräfte über die vielfältigen Präsentationen, in denen ihnen Aspekte des Lebens in Deutschland authentisch vorgestellt wurden. Die Themenliste war umfangreich, sie reichte von einer „Tour durch die Gesamtschule Gedern“ und einer Darstellung der deutschen Schullandschaft „Vom Kindergarten zur Universität“ über den „Gederner Karneval“, „Gedern und die umliegende Landschaft“ bis hin zu „Hessischen Städten und ihren Sehenswürdigkeiten“ sowie „Berühmten deutschen Gebäuden“ wie Schloss Neuschwanstein, dem Brandenburger Tor, der Dresdner Frauenkirche etc. Des Weiteren wurden mit Angela Merkel, Albert Einstein, Franz Beckenbauer und Heidi Klum „Berühmte Deutsche“ vorgestellt, die „Fußball-WM 2006“ lebte noch einmal auf und es gab einen Ausflug auf das „Oktoberfest“. „Das Leben in Ostdeutschland vor der Wiedervereinigung“ wurde ebenso vorgestellt wie „Die deutsche Regierung“. Die aktuelle Pop-Kultur wurde abgebildet in den Präsentationen über die „Deutsche Musik“ und über den „Amerikanischen Einfluss auf das Leben in Deutschland“. Dadurch, dass die Schülerinnen und Schüler ihre Präsentationen so oft hielten – mehr als zehn Mal, einige sogar mehr als fünfzehn Mal –, konnte man beobachten, wie aus der anfänglichen Nervosität allmählich Routine wurde. So wurden die vier Präsentationen, die sich der Verschwisterungsvereins Columbia für die Halbjahresversammlung in der Turner Hall ausgesucht hatte, sehr souverän vor großem Publikum gehalten und stießen auf großes Interesse. Viele der Zuhörer zeigten sich begeistert und äußerten ihre Anerkennung über die Leistung der jungen Leute.

In der übrigen Zeit der insgesamt zehn Schultage nahmen die Austauschschülerinnen und -schüler am Unterricht der Columbia High School teil, jeden Tag von 8:00 bis 15:00 Uhr. Dazu hatten sie sich in der fünfmonatigen Vorbereitungszeit in Gedern ihren individuellen Stundenplan zusammengestellt. Auch im Schulbetrieb konnte die Austauschgruppe Unterschiede feststellen: Lucienne Müller zeigt sich erstaunt „über die Schule, dass sie so sauber war.“ Außerdem hat sie Unterschiede in der Bekleidung bemerkt, was sicherlich auch mit den Kleidungsvorschriften der Schulordnung der Columbia High School zusammenhängt. Björn Gehring meint: „Die Teenager sind dort viel netter. Sie sind sehr kontaktfreudig. Die Schüler der Columbia High School waren auch viel disziplinierter als die von der Gesamtschule Gedern.“ Izabella Anna Kocielek bemerkt ergänzend dazu, „dass sich die Schüler der Columbia High School gegenseitig motivieren. Sie halten sich an die Regeln.“

Neben den Schulbesuchstagen standen noch Ausflüge auf dem Programm, meist nach St. Louis, das auf der anderen Seite des Mississippi in Missouri liegt. Ganz oben auf der Beliebtheitsskala rangiert das Wahrzeichen von St. Louis, der 192 m hohe Gateway Arch, der das Tor zum Westen symbolisiert. Von ganz oben hat man eine fantastische Aussicht und kann wunderbare Fotos schießen. Wunderbare Bilder zeigte auch der Film „Der große amerikanische Westen“ unter dem Gateway Arch, wo sich außerdem das „Museum of Westward Expansion“ befindet. Dort erklärte ein National Park Ranger der Gruppe die verschiedenen Etappen der Besiedlung des amerikanischen Westens. Der anschließende Besuch im Busch Stadium zu einem Baseballspiel der St. Louis Cardinals, die in der letzten Saison die amerikanische Meisterschaft, die World Series, gewonnen haben, fand ebenfalls großen Anklang, auch wenn die Cards dieses Spiel nicht gewinnen konnten.

Viel Spaß hatte die Gruppe auch mit den Tieren im Zoo von St. Louis und auf Grant’s Farm, wo man zunächst durch einen „Safaripark“ fährt und anschließend einen Streichelzoo und einen kleinen „Tier Garten“ mit Tiervorführungen erlebt. Grant’s Farm wurde von der Anheuser-Busch-Brauerei auf dem Gelände rund um das Blockhaus des Nordstaaten-Generals Ulysses S. Grant errichtet, der nach dem amerikanischen Bürgerkrieg von 1869 bis 1877 der 18. Präsident der USA war.

Die Geschichte von St. Louis war Thema im History Museum, wo es u. a. um Figuren wie Charles Lindbergh oder Chuck Berry ging. Je nach Qualität des Führers hatten die in drei Gruppen aufgeteilten Schülerinnen und Schüler mehr oder weniger Spaß dabei. Mehr Spaß bereitete der Besuch der Union Station, des ehemaligen Kopfbahnhofs von St. Louis. Abgesehen von einem Einblick in die Eisenbahngeschichte von St. Louis stand der Einkaufsbummel durch die vielen Läden im Mittelpunkt. Eine besondere Attraktion war ein Portraitmaler, der große Teile der Gruppe als Karikaturen verewigte.

Das Saint Louis Science Center stellte die Naturwissenschaften „zum Anfassen“ dar. Neben optischen Experimenten zum Selbermachen wurden chemische Versuche dargeboten. Der Gateway Arch konnte nachgebaut werden, die Geschichte des Computers wurde dargestellt, ein Mini-Tornado konnte beobachtet werden u.v.m. Im angegliederten IMAX-Kino sah sich die Gruppe einen Film über den Hurrikan Katrina an.

Etwas Ungewöhnliches bekam die Gruppe in Cahokia zu sehen, östlich von St. Louis: Dort lebten vor ca. 1000 Jahren Indianer in einer Stadt von etwa 20.000 Einwohnern. Sie lebten nicht in Zelten oder Tipis, sondern in festen Häusern mit Gärten. Für religiöse Zwecke und für den Häuptling errichteten sie große Hügel in Pyramidenform, die Cahokia Mounds. Leider war es an diesem Tag ziemlich kühl und sehr windig, so dass man die Aussicht von Monk’s Mound, dem größten der Hügel, nicht genießen konnte.

Genossen haben alle in der Gruppe die Prom Night, den Schulball, den die Juniors, die Elftklässler, für die Seniors, die Zwölftklässler, ausrichten. Der ganze Samstag stand im Zeichen dieses Balls: Die meisten Mädchen hatten einen Friseurtermin, viele ließen sich auch die Fingernägel machen. In festlicher Garderobe wurden viele Fotos gemacht, und einige aus der Austauschgruppe hatten sogar die Gelegenheit, in einer Stretchlimousine mitzufahren. Der Abend begann mit einem festlichen Menü. Danach wurde zunächst das Geheimnis gelüftet, wer die Wahl zur Prom-Queen und zum Prom-King gewonnen hatte. Mit ihrem Hofstaat eröffneten sie das Tanzvergnügen, dem sich bald alle anschlossen. Ein großer Teil der Ballgesellschaft eilte gegen 23:00 Uhr nach Hause, um sich umzuziehen, denn um 23:30 Uhr fuhr an der High School der Bus zur Afterprom ab: In einem riesigen Sportkomplex in Belleville, der Kreisstadt, konnte man Volleyball oder Fußball spielen, Baseball- und Softballwurfmaschinen standen zur Verfügung, man konnte sich auf großen Hüpf- und Kletterburgen vergnügen, und das alles bis morgens früh um 5:00 Uhr, als der Bus wieder zurück nach Columbia fuhr.

Ein weiteres Erlebnis der amerikanischen Art war der Besuch des Gottesdienstes in der St. Alphonsus Liguori „Rock“ Church in St. Louis. Die Gemeinde praktiziert nach eigenen Angaben den katholischen Glauben „in der afro-amerikanischen Tradition“, also mit viel Gospelmusik. Mit einer Band und einem Gospelchor geriet die Heilige Messe zu einem unvergesslichen Ereignis, und durch die mitreißende Musik vergingen die zwei Stunden wie im Flug.

Six Flags St. Louis, ein großer Freizeitpark, war das Ziel am letzten Samstag. Bei strahlendem Sonnenschein verbrachte die Gruppe zusammen mit Freunden aus Columbia einen „schnellen“ Tag mit atemberaubenden Achterbahnfahrten. Am Abend trafen sich alle zu einer Abschiedsparty im City Park von Columbia, bevor der Abschied am Sonntagmorgen nahte. Unter vielen Tränen und Umarmungen wurde auf Wiedersehen gesagt; manche wollten gar nicht in den Bus zum Flughafen einsteigen, sie wollten nicht, dass die schöne Zeit schon zu Ende geht.

Dementsprechend fiel das Fazit vieler der Austauschschülerinnen und -schüler aus: „Vor dem Austausch fand ich Amerika normal, jetzt bin ich voll begeistert.“, gibt Nadine Mänche zu. Ines Schmidt hat „jede Minute genossen. Ich möchte auf jeden Fall nächsten Sommer wieder nach Columbia fliegen.“, hat sie sich vorgenommen. Das gleiche gilt für Torben Winter, der Columbia und seine Einwohner sehr vermisst. Er freut sich schon darauf, wenn im Juli drei seiner Freunde nach Gedern zu Besuch kommen. Sein Urteil über die „drei unvergesslichen Wochen: I spent the time of my life in Columbia.“